Kunst
und Künstler der Region
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Der Judaskuß
Figuren am Podest der heiligen Stiege
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einrich von Treitschke,
Historiker des Imperialismus, charakterisierte unseren Menschenschlag als
recht bequem, labil und von einem Gruppencharakter dem der preußische
Stahl fehle. Über Wirtschaft und Kultur unseres Landes wußte
er kaum etwas Positives zu sagen, man sei eben Provinz und damit am Rande
größerer historischer Ereignisse und kultureller Schöpferkraft.
Nicht weniger abfällige Bemerkungen kennen wir von Kaiser Franz Joseph
I, nachdem die Funde an Bodenschätzen im Adlergebirge nicht nach seiner
Erwartung ausgefallen waren.
In das Rampenlicht deutscher Politik trat unsere
Gegend immer nur dann, wenn Plünderung und Brandschatzung durch Hussiten
und Schweden zu vermelden waren, als Heeresbewegungen im Kartoffelkrieg
einen wirtschaftlichen Niedergang brachten, der Weberaufstand unsere Menschen
in revolutionäre Bewegung versetzte und Kaiser Joseph II. einen Inspektionsritt
durch unsere Landschaft vornahm. Die großen Befestigungen von 1938
um die Mittelwälder Pforte hatten allerdings die Aufmerksamkeit der
Militärs bis in die oberste Armeeplanung beschäftigt.
Ist die schöpferische Leistung unserer Menschen
einfach mit der allgemeinen Bezeichnung „Bauernkultur“ zu umschreiben und
ad acta zu legen? Rudolf Seidel (Rokitnitzer Chronik) beklagt den Mangel
an Zusammenfassung und wissenschaftlicher Bearbeitung der gesamten Überlieferung
und insonderheit jener der Kultur. Allein das Barock und der so gepflegte
Marienkult habe doch kulturelle Leistungen hervorgebracht und Künstler
von internationalem Rang geboren, die heute in kaum noch einem Reiseführer
erwähnt würden. Klöster wie der Muttergottesberg bei Grulich,
die Kirchen von Schildberg und Bad Reinerz u.a. sind in der Kunstgeschichte
nicht nur Gnadenorte und Kultstätten; ihre Architektur und besonders
jene der Wallfahrtskirche Maria Albendorf zählen zu den bemerkenswertesten
Leistungen ostdeutschen Kulturschaffens.
Die Entfaltung der Malkunst und Bildhauerei
Beim Rückblättern unserer Heimatgeschichte
oder mittels einer Kunstreise durch das nördliche Grenzgebiet der
Sudeten trifft der aufmerksame Kenner auf sakrale Kunstschätze, die
sich mit dem Namen Dominik Umlauf verbinden.
Sein Geburtsort ist Hoflenz/Friesetal, sein Geburtsdatum
1791, also die nachjosephinische Epoche, auf welche eine neue Blüte
der barocken Marienkultur folgte. Ursprünglich als Geigenbauer ausgebildet,
entdeckte er aber bald seine Talente „im Malen und Schnitzen“ und wurde
als Autodidakt der Begründer einer Schule, die zu den größten
und bekanntesten im böhmisch-mährischen Raume zählte. Seine
Frühwerke in seiner Heimatkirche und in deren Kirchensprengel begründeten
zunächst eine lokale Reputation, der Auftrag zur Herstellung einer
Kreuzigungsgruppe durch den Gemeinderat von Pottenstein/Ostböhmen
führte ihn zum Entschluß, in Geiersberg (Kyšberk) eine Maler-
und Bildhauerwerkstatt als seinen zukünftigen Wohnort und Arbeitsplatz
zu gründen. Nunmehr „Maler, Bildhauer und Restaurator“, bewarb er
sich beim Bauamt der Diözese Königgrätz um Aufträge
und erhielt den Zuschlag zur Restaurierung des Kreuzweges und Kreuzganges
der Schloßkirche und der „Johanneskapelle am Hügel“ in Geiersberg.
Die Diözese als neu gewonnener Dauerauftraggeber betraute ihn darauf
mit der Renovierung der Statuengruppe und der Säule der hl. Jungfrau
in Geiersberg und mit der Gestaltung der Kanzel in der Kundtschitzer Kirche;
die feinen Facetten und die Bildhauerarbeit an der Kanzel von Mlynik finden
zwar ihre Würdigung in Kunstführern, den Namen des Schöpfers
sucht man heute leider vergebens.
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Bischofssitz Königgrätz
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Der talentierteste Nachfolger
Die künstlerischen Talente des Vaters vererbten
sich am eindrucksvollsten auf seinen Sohn Ignaz, geboren 1821 in Hoflenz.
Ausgebildet als akademischer Maler an der Kunstakademie in Prag (Professor
Thadlik) und als Absolvent der Kunstakademie in Wien, begann er hier seine
Karriere als „Porträt- und Genremaler“. Seine Lehr- und Wanderjahre
führten ihn nach Budapest und Debrecen zum Studium von Museen und
Galerien und öffneten ihm den Weg in die ersten Künstlerkreise
der ungarischen Hauptstadt.
In den Kirchen von Gräfenberg, Mähr.-Schönberg,
und im Schloß zu Geiersberg finden wir seine Gemälde, im sonst
tschechisch beschrifteten Kreuzgang des Muttergottesberges trägt das
Porträt der hl. Philomena als einziges die Unterschrift des Künstlers.
Internationalen Ruf gewann er, als ihm Graf Nimptsch
und eine russische Großherzogin an den Petersburger Hof beriefen
und ihm hochbelohnte Aufträge als Porträtmaler gaben.
Zurückgekehrt nach Wien, erwarb er sich den
besten künstlerischen Ruf in adligen Kreisen. Der Feldmarschall Graf
Haynau und der Generalvikar Freiherr von Augustin ließen sich porträtieren,
Bilder wie „Wein, Weib und Gesang“, „Das Schlafende Kind“ und „Der Ritter
und sein Liebchen“ wurden Erwerbungen der Kunstgalerie in Wien, die Königin
Viktoria erwarb sein Bild „Die Bettelkinder“ für ihre eigene Kunstsammlung,
und viele andere Gemälde aus seiner Hand sind heute im Besitze adliger
und angesehenster Bürgerfamilien in ganz Europa.
Als kranker Mensch kehrte Ignaz nach Geiersberg
zurück, porträtierte hier Menschen und Landschaft in seiner Heimat
(Erbrichter Kuhn) und widmete sich in seinem Alter dann ganz der sakralen
Malerei. Die Anzahl der Heiligenbilder in unseren Kirchen, die aus seiner
Hand stammen, ist gegenwärtig kaum annähernd schätzbar.
Die produktivste Phase der Schule
Johann, sein jüngerer Bruder, folgte Ignaz
in seiner akademischen Karriere nach Prag und Wien, erreichte aber nicht
ganz das internationale Ansehen des Älteren. Als Leiter der erweiterten
Werkstatt in der Heimat erlebte die Umlaufschule ihre höchste Schaffensphase.
Über 300 große Altarbilder zieren heute die Innenausstattung
der Kirchen in der gesamten Monarchie, allein 20 wurden heute in den Bezirken
Wildenschwerdt, Senftenberg und Landskron authentisch festgestellt. Die
religiösen Porträt- und Szenenmalereien der Pfarrkirche zu Geiersberg
sind Werke von Johann Umlauf. Aus seiner Schule stammen auch die 66 Motive
aus dem Leben der hl. Jungfrau in der Kirche „Am heiligen Berg“ (unweit
von P?ibram).
Die Krönung von Johanns Laufbahn war der
Auftrag zur Ausstattung der St. Ignaziuskirche in Prag, wohin ihn die Erzdiözese
berufen hatte. Die Freskenmalerei der Kirchenkuppel in der Dekanatskirche
zu P?ibram wird von Kunstkritikern als die reifste Leistung des letzten
Erben der Umlaufschule bezeichnet. Mit seinem Tode (1873) endete eine fast
100jährige Tradition ostböhmischen Kulturschaffens, jedoch ohne
die Gefahr, die Bildhauerei und Reliefkunst in diesem Raume in das rein
Handwerkliche abgleiten zu lassen.
Gemessen an ihrem Wirkungskreis und ihrer Verbreitung,
könnte sich die Umlaufschule sehr wohl mit jener von den Brüdern
Asam bei Passau messen, ihre künstlerische Qualität mit dieser
hat leider keinen Vergleichsmaßstab, nachdem viele Kunstwerke verloren
gingen und diese Schule selbst ein noch unentdeckter, für unseren
Raum so gut wie unerforschter Kulturträger ist.
Josef Rollet, ein Kulturträger des Adlergebirges
Sein voller Name war Josef Rolletscheck, geboren
am 19. Oktober 1859 in Giessaus, Gemeinde Groß Auerschim. Aus bescheidenster
Familie kommend - sein Vater war Harmonikabauer - verwandte er, unterstützt
von Verwandten und Freunden, seine ganze Tatkraft und seinen Fleiß
auf die Ausbildung seines künstlerischen Talents an der Kunstakademie
in Prag. Seine spätere Studien- und künstlerische Schaffenszeit
in Wien steigerten ihn zum Meisterschüler von Professor Frithjof Smith,
der ihm ausgedehnte Studienreisen nach Italien ermöglichte, wo er
sich künstlerische Vervollkommnung und eine gute Allgemeinbildung
erwarb. Nach seiner ausgedehnten Lernzeit schuf er sich schnell einen Ruf
in Wiener Künstlerkreisen und beim Adel als Porträt- und Landschaftsmaler.
Seine Bilder finden wir heute in den Museen von Wien und Weimar, jene im
Privatbesitz gingen in den Stürmen des Krieges verloren.
Dem Weimarer Kunstverein blieb er zeitlebens
verbunden. Er verließ Wien, nachdem ihm der Weimarer Großherzog
Karl Alexander eine Lebensstellung als Hausvogt in seiner Kunstgalerie
besorgt hatte.
Nicht unerwähnt soll auch seine Begabung als
Schriftsteller und Lyriker sein. Die in Buchform erschienenen „Verwehten
Träume“ (ein Gedichtband) sind lyrischer Ausdruck empfindsamer Lebensphasen
seiner Kindheit in der Heimat und zwei Bände ernster und heiterer
Novellen mit den Titeln „Schatten“ und „Was die Blumen erzählen“ gehören
zur feinfühligsten Poesie unserer Heimatdichtung.
Aus der Armut zu Weltruhm
Unsere kunstvoll geschnitzten Weihnachtskrippen,
das reichverzierte Mobiliar und die holzgeschnitzten Decken unserer Bauernstuben,
die gedrehten und geschnitzten Tische und Stühle, die künstlerisch
gestalteten Holzbrunnen und geschnitzte Reliefs und Säulen sind nicht
schlechthin Volkskunst oder Broterwerb. Der Begabungen und Talente waren
viele, doch leider nur wenigen gelang der Durchbruch zu internationaler
Anerkennung.
Einer aus dem Grulicher Ländchen, dem dieses
in eindrucksvoller Weise gelang, war Johann Meixner, geboren 1819 in Rothfloß.
Als „Herrschaftlicher Jäger des Grafen Althan“ war sein Vater nicht
in der Lage, den Lebensunterhalt der Familie zu bestreiten, also mußte
der Sohn seine Schulzeit öfter mit dem Dienste bei der Herrschaft
vertauschen. Seine Lehrzeit begann er als Bildrahmenmacher in Grulich,
wechselte aber bald als „Figurenschnitzer“ zu einem fähigen Meister
in einen Spielwarenladen.
Zwei Bewerbungen an die Kunstakademie in Wien wurden
zunächst abschlägig beantwortet, die dritte verschaffte ihm endlich
den begehrten Zutritt und ein staatliches Stipendium. Sechs erfolgreiche
Semester gaben ihm das Rüstzeug für einen Kunstbildhauer, sein
Professor (Führich) ebnete ihm den Weg zur weiteren Ausbildung an
der Akademie für antike Klassik in Rom.
In seiner gesamten Zukunftsplanung war Wien das
zentrale Betätigungsfeld. Dorthin kehrte er zurück und gründete
sein Atelier (1850) in einer Stadt, die noch stark unter den nachrevolutionären
Folgen litt. Kunst war hier zunächst nicht leicht in höhere Kreise
zu tragen, doch wiederum war es die Diözese, für die er die Ausstattung
der Pfarrkirche in Hietzing „mit Bildwerken und Heiligenfiguren“ besorgte.
Seine hl. Elisabeth wurde prämiert. Ein großer Auftrag kam von
den Österreichischen Staatsbahnen, die ihn für die Gestaltung
des Hauptportals des neuerbauten Südbahnhofs engagierten.
Für den Entwurf und die Ausführung des
Albrechtbrunnens und für die Herstellung der Büste des Papstes
Pius IX - heute befindet sie sich in Eszteragom (Gran), erhielt er ebenfalls
den Zuschlag.
Mit solchen Erfolgen stellten sich auch adlige
Förderer ein, die höchsten Gesellschaftskreise interessierten
sich für sein Werk. So Karl Schwarz, einflußreicher Stadtrat
in Salzburg, der bei ihm eine Bronzestatue Friedrich v. Schillers für
sein Palais orderte (1871), darauf bestellte der Kaiserhof eine Büste
des Erzherzogs Johann. Für eine Statue des Kaisers Maximilian von
Mexiko bezahlte ihn die Stadt Wien über den geforderten Preis.
Besondere Liebhaber für seine Kunst fand Johann
in den Adelsfamilien der Radetzky und der Windischgrätz. Sie betrauten
ihn mit der künstlerischen Porträtgestaltung ihrer Familienmitglieder
und der Generalfeldmarschälle. Nicht ungenannt soll auch der Wiener
Kunstkreis als sein Förderer und Kunde bleiben. Eine von Johann gestaltete
Büste Friedrich Liszts war ursprünglich Vereinseigentum und ist
heute leider verschollen.
Ein Bildhauer am Hofe Maria Theresias
Philip Jakob Prokop, 1740 geboren in Rehberg,
hatte die Bildhauerkunst in Königgrätz erlernt und an der Wiener
Kunstakademie über das Abendstudium vervollkommnet. Seine Jugend war
arm, in seinen Lehr- und Wanderjahren mußte er durch die harte Schule
eines kärglichen Broterwerbs gehen, bis ihm endlich ein künstlerischer
Durchbruch in Wien gelang und ihm die ehrenvolle Berufung an den Kaiserhof
einbrachte.
Die Marmorstatue Aenea im Park von Schönbrunn
(1774) ist sein Werk, seine Bronzeplastik des Fürsten Nikolaus von
Esterhazy (1776) befindet sich im ungarischen Nationalmuseum in Budapest.
Seine beiden Sandsteinplastiken des hl. Rochus
und des hl. Sebastian gewannen den ersten Preis anläßlich einer
Ausschreibung der Wiener Erzdiözese. Ihre fachliche Begutachtung machte
einen so großen Eindruck auf die Kommission, daß ihm der Diözesanbaumeister
die Ausgestaltung des Hochaltars der Michaelskirche gegenüber der
Hofburg, diesmal ohne Ausschreibung, übertrug. Seine im Museum zu
Stuhlweißenburg exponierten Steinplastiken sind leider durch einen
Bombenangriff im 2. Weltkriege verloren gegangen.
Unvergessen sollen auch die sakralen Kunstwerke
in seiner Heimat sein, die unseren Kirchen künstlerischen Ruf brachten.
So schuf er für seine Dorfkirche in Rehberg (Peter und Paul) die Holzplastiken
des hl. Wenzel und des hl. Nepomuk und ebenso die der beiden Kirchenpatrone,
die kunstvollen Holzschnitzereien am Altar, der meisterlich gestaltete
Tabernakel und die barocke Ausstattung der Orgel stammen aus seiner Hand.
Die Taufe des Herrn durch den hl. Johannes brachte er als Motiv auf den
hölzernen Deckel des Taufsteins, desgleichen schreiben wir ihm die
Personengruppe um die Himmelfahrt der Mutter Maria, die Posaunen- und die
anderen Engelsfiguren zu.
Das Sandsteindenkmal „Ecce homo“ vor der tschechischen
Schule in Reichenau, eine Statue des Johannes von Nepomuk an der Straße,
die dortige Pestsäule vor dem Pfarrhof und ein Steinkreuz waren die
Gaben eines Künstlers an seine Heimat. Im Jahre 1760 bestellte die
Diözese Königgrätz bei ihm eine Plastik für einem Seitenaltar
der Kirche „Maria Mutter der Schmerzen“ in Himmlisch Riebnei, die Kirche
in Groß Auerschim wird mit Plastiken der hl. Anna und des hl. Joachim
geschmückt und einige Holzplastiken aus seiner Hand gehen wiederum
an seine Heimatkirche in Rehberg.
Nur die wichtigsten Künstler von internationalem
Rang, jedoch heute leider namentlich in den Kunstführern kaum genannt
und von den heutigen Bewohnern vergessen, seien hier angeführt, das
gesamte Feld der sakralen Kunst in unserer Region ist damit noch nicht
erschöpfend umschrieben. Lebenslauf und Werk ermöglichen Vergleiche
zu Wiener und zu Prager Kirchen, sie sprechen nicht nur für Talent
und Begabung, sondern auch für die Lehrer, die Ausbildung und die
Förderung für Begabte in der Monarchie und für Wien und
Prag als Hauptstädte des Kunstschaffens. Und an diesem hat unsere
Region einen internationalen Anteil; die Holzschnitzkunst des Adlergebirges
präsentierte sich durchaus konkurrenzfähig in den Kunstmetropolen
Europas zur damaligen Zeit.
Krippenkunst von Weltruf
Die Krippenschnitzer
Ein großes Waldgebiet sorgte für den
Rohstoff, die Not unserer Dörfer trieb zur Entfaltung aller Kräfte
an und machte erfindungsreich, Talente waren offensichtlich in Breite vorhanden
und ein günstiges Schicksal hat diese auf den erfolgreichen Weg gebracht:
auf die Krippenschnitzkunst. Über sie wurde Grulich ein weltbekanntes
Zentrum der Holzschnitzerei.
Ihr Ursprung liegt in Italien und datiert dort
ab dem Jahre 1560. Von Missionaren wurde sie nach Prag gebracht und anschließend
in den böhmisch-mährischen Städten volkstümlich.; die
erste schlesische Krippe wurde 1584 in Glatz aufgestellt und fand von dort
aus ihre Verbreitung ins Gebirge. Nach Mittelwalde und Grulich kam sie
erst durch flüchtige oder ausgewiesene Priester während des Dreißigjährigen
Krieges.
Im Reichenauer Gebiet und in Kunwald wurden die
ersten Krippen um 1635 aufgestellt und ab 1650 datiert sie in Rokitnitz.
Damit war ein völlig neuer Erwerbszweig ins Schlesische und ins Adlergebirge
eingezogen und Grulich wurde sein Mittelpunkt.
Die Reformation förderte die Krippenkunst
wenig, dafür erlebte sie in der Gegenreformation eine später
nie wieder erreichte Blütezeit. Aus den Perioden des religiösen
Gegenschlags stammen Krippen mit üppigster Bemalung als Mittel zu
Bekehrung und Glaubensförderung. Und eben um diese Zeit erlebte das
Gebirge einen mächtigen Zustrom an Missionaren aus Schlesien; Kronstadt,
Rokitnitz, Reichenau und Gießhübel waren die Zentren ihrer Bekehrungsarbeit.
Die mitgebrachten Krippen waren der Mittelpunkt von Predigt und Liturgie
bei den Weihnachtsgottesdiensten und dienten zu anschaulicher Demonstration.
Über Krippen von derber Einfachheit als kunstgewerbliches
Produkt und bildhauerisch gekonnter Darstellung unterschied sich das Talent.
Der Bau des Muttergottesberges (ab 1696), der diesem folgende Wallfahrtsbetrieb
und die sehr populäre Marienverehrung regten zu gewerbsmäßiger
Herstellung von Krippen an, zumal auch die Nachfrage aus der Bevölkerung
einen hohen Absatz versprach. Eine Art Krippe, geboren aus der Volkskunst,
hatte anfänglich eine so starke Nachfrage, daß man über
die Erweiterung der Gestaltungsmöglichkeiten ins Profane nachdenken
mußte. Neben dem „Herrgootschnetzler“ plazierte sich die profane
Schnitzkunst mit Spielzeug, Pfeifenköpfen, Schachfiguren, man fertigte
Jagdszenen und Bilder aus der alltäglichen Arbeit; auch Tierfiguren
waren ein beliebtes Motiv, weil sie sich mit Krippenfiguren am besten vereinigen
ließen und der Szene Wirklichkeitscharakter gaben.
Die Ansprüche an dieses Handwerk wuchsen,
der Wettbewerb florierte, aber Qualität hat auch ihren Preis. Allein
wegen der Krippen gab es auch protestantische Wallfahrer am Muttergottesberge
und in Albendorf, doch die Nachfrage fing an zu stagnieren, als die Preise
am Wallfahrer vorbeikalkuliert werden mußten und dennoch kaum Gewinn
abwarfen. Den Figuren mußten Kostüme nach Stil und Zeitgeschmack
(Barock, Biedermeier, Rokoko) angelegt werden, die Szene im und um Betlehems
Stall wurde über Palmen, Dromedare, Kamele und Elefanten angereichert,
Menschen in orientalischer Kleidung wurden dem gewählten Milieu angepaßt.
Das orientalische Genre entsprach dem Volksgeschmack und gab der Szenerie
zusätzliche barocke Gestaltungsmöglichkeiten. Der berühmte
Joseph Freiherr von Führich war der gefragteste Maler und Figurenausstatter,
er lieferte seine Entwürfe für eine sich ständig veredelnde
Werkstatt- und Heimarbeit. Zur Blütezeit arbeiteten in Grulich 16
Drechsler und 6 Staffiererwerkstätten mit bis zu 20 Arbeitsplätzen
pro Betrieb in der Hauptsache für den Krippenexport nach Österreich,
Polen, Schweden, England und nach den USA und Canada; die Grulicher Krippe
war auf diesem Standard nur noch für Kirchenvereine und Ortsgemeinschaften
zu bezahlen, für den „Baudenabsatz“ auf dem Muttergottesberge blieb
nur noch die einfache Volkskrippe.
Darstellungsformen
der Adlergebirgskrippe
Die einfachste Darstellungsform war die „offene
Krippe“ in mehr oder weniger geschickter handwerklicher Ausführung.
Die „Kastenkrippe“, mit etwa 1 – 1,5 m Länge, mit Figuren bis zu 30
cm hoch, war, gemessen an jener zwar von höherem künstlerischen
Wert, fiel aber wiederum in der Zeit der Weiterentwicklung zu drei-, vier-
und fünfstöckigen Aufbauten, angeordnet in leicht zurückfallenden
Stockwerken, leicht unter die künstlerische Wertung.
Von neuerer Entwicklung ist die „bewegliche Krippe“,
eine Krippe mit hochwertig künstlerischer Ausgestaltung und beweglichen
Figuren in abgestimmter Szene, betrieben mit Wasserkraft und hergestellt
in einer Schnitzzeit, die ein halbes Menschenleben beanspruchte.
Hinter der Ausstattung der „morgenländischen
Krippe“ stand ebenfalls Professor Führich. Sie wiederum hatte sich
ganz auf die Darstellung des Lebens im Orient spezialisiert und ihre Thematik
in das Gesellschaftliche erweitert (Anbetungsszenen). Die Buntheit in der
Ausstaffierung der Figuren, die phantasievolle Nachmalung der Szenerie
über Palmen und Dünen imitierte ansprechende Fremdartigkeit,
die sich auf buntes morgenländisches Leben spezialisiert hatte.
In einer weiteren Form, der „Landschaftskrippe“,
erkannte der Bewunderer die heimische Landschaft einschließlich
der Menschen- und der Tierwelt, die „venetianische Krippe“ wartete mit
kunstvoll gefertigten Säulen und reich verzierten Portalen auf.
Solche Wunderwerke wurden nach Glatz und nach Albendorf
in bescheidener Zahl geliefert, Experten bezeichneten sie als schier unnachahmliche
Kunstwerke.
Bescheidener und für den Hausgebrauch bestimmt
war die dreistufige „Eckkrippe“ (Stall mit Hirten und Königen - Hirtenweide
und Engelsverkündung - Stadt Betlehem), die ihren Platz im Hergottswinkel
fand. Die in einem Korbe beförderte „Tragekrippe“ wurde als Konkurrenz
von slowakischen Hausierern angeboten, die bei ihrer Präsentation
heimische Weihnachtslieder sangen.
Das gesamte Spektrum an Krippen umfaßte 18
verschiedene Varianten, die neben den aufgezählten, noch folgende
Namen erhielten: Passionskrippe, Bilderbogenkrippe, Kreuzbogenkrippe, Bretterkrippe,
Stufenkrippe, Hängekrippe, venetianische Krippe, italienische Krippe,
Palmkrippe u.a.
Zeitweiliger und
endgültiger Niedergang
Mit dem Ausbruch der schlesischen Kriege (1740)
und der Verschlechterung des Geldes stellte sich die erste Zäsur
in der Entwicklung des Krippengeschäftes ein, die neue Grenzziehung
verringerte die Zahl der Wallfahrten auf beiden Seiten. Mit der Regierungsübernahme
Kaiser Joseph II. (1780 - 1790) wurde das Wallfahren und Krippenschnitzen
verboten, das Krippenlied durfte nicht mehr gesungen werden. Gegen solche
Verdikte blieb der Volksglaube aber relativ standhaft, die Pflege des Marienliedes
besorgten geheime Konventikel, und als hinter dem Verbot keine polizeiliche
Kontrolle stand, hatten sich Wallfahrt und Krippenkult in alter Gewohnheit
wieder hergestellt. Kaiser Joseph sah in all dem Treiben eine „kindliche
Angewohnheit des Volkes“, welche er mittels popularisierter Aufklärung
beseitigen wollte.
Ab 1750 kam ein neuer Werkstoff - das Papiermaché
- auf. Der „kleine Mann“, der mit seiner Familie auf Weihnachtsfreuden
ohne Krippe nicht verzichten wollte, konnte diese nun billigst selbst herstellen,
die Figuren nach Begabung und Geschmack bemalen und ihre Ausgestaltung
nach seinen Mitteln vornehmen. Wellpappe oder versteiftes Papier taten
denselben Dienst. Der Selbsthersteller schied nunmehr für den Grulicher
Markt endgültig aus.
Mit der Verengung der Märkte suchten die Grulicher
Schnitzer eine Ausdehnung ihres Handels im Export, die Krippe wurde Ware.
Ihr Vertrieb wurde in die Hände des Zwischenhandels gelegt, in dessen
Tasche nun das meiste Geld floß und der den Erzeugerpreis drückte.
Von diesem kamen auch die neuen Qualitätsanforderungen nach dem Maßstab
günstigster Absetzbarkeit und diese wiederum bestimmte das Preisniveau.
Die größten Betriebe (Krause und Bier mit je 20 Gesellen) wurden
zu Entlassungen gezwungen. Als alle diese Rettungsmaßnahmen nicht
recht griffen, versuchte das Schnitzhandwerk einen Zusammenschluß
der Produzenten über die Gründung des „Grulicher Krippenvereins“
(um 1900), der per Eigenvertrieb und über die Ausschaltung des Zwischenhandels
einen kurzen Aufschwung verbuchen konnte.
Der Zusammenbruch der Monarchie brachte den Krippenschnitzern
neue Probleme. Die neuen Grenzen wurden Zollschranken, es fehlte bereits
an Nachwuchs, die gezeichnete Kriegsanleihe hatte Geldverluste gebracht
und die lang andauernde Arbeitslosigkeit (bis 1936) zehrte an der Existenz
der Betriebe und der Heimschnitzerei; der Glatzer Markt war zeitweise so
gut wie abgebrochen. Die Zahl der Zulieferer hatte sich auf 12 Dörfer
beschränkt, und als die Großbetriebe geschlossen hatten, versuchten
sich einige Kleinbetriebe (Rotter, Neumann, Stumpf) in einer Existenzrettung,
die Erzeugung und Kleinverkauf ab Werk besorgte; leider auch vergeblich.
Halten konnte sich dagegen der Schnitzer als Einmannbetrieb, dessen Kunst
heute wieder gefragt ist.
Die Vertreibung der Deutschen brachte das Ende
der Grulicher Krippenschnitzerei, die Fortsetzung beschränkt
sich teils auf alte, in der Heimat verbliebene Krippenschnitzer. Der säkularisierte
Geist stellte keine Nachfrage nach Krippen, die Misere der ersten Nachkriegsjahre
verhinderte das Zusammenführen des ehemaligen Grulicher Vereins und
des Adlergebirges und damit scheint sich eine Tradition, die früher
Weltruf hatte, zu verlieren, die wenigen geretteten Bestände befinden
sich in Museum Jitschin oder in den Händen der Kirchenverwaltungen.
Die Dorfschnitzer im Adlergebirge
„Ooh Fräda, iiwr Frääda, ihr Nockwan kommt ock
sahn,
Un satt woas of dr Hääde, fer a Wondr iis geschahn.
S koam geflään a Engl, bei huuchr Mettrnoacht
Dar song a schien Gesängla, doas mr mei Hatze lacht“.
Ein
Krippenlied aus dem Adlergebirge
Im oberen Adlergebirge
hatte sich die Schnitztradition noch vor jener des Grulicher Ländchens
entwickelt. Schon vor dem Dreißigjährigen Krieg gab es hier
eine Schnitzerei mehr von der handwerklichen Art, die Haushaltswaren herstellte
(Löffel, Teller, Tröge, Schüsseln). Mit großen Karren
wurden solche Produkte der Hausindustrie nach Glatz und Breslau transportiert
und dort auf den Märkten feilgeboten. Erst von Grulich aus kamen die
religiösen Themen in einen nach Belebung ausschauenden Gewerbezweig,
der sich als sakrale Kunst über Rokitnitz und Gießhübel
bis ins Braunauer Ländchen ausbreitete.
Erst 1738, als die Fachschule für Holzbearbeitung
ihren Unterricht in Grulich aufnahm und einen besonderen Zweig für
Bild- und Figurenschnitzerei und Holzreliefgestaltung einrichtete, erhielt
auch die Schnitzkunst des Adlergebirges eine bedeutende didaktische Anleitung
und wurde auch Zulieferer an Fachpersonal für die Grulicher manuellen
Betriebe. Diese Ausbildungsstätte ist der eigentliche Begründer
des internationalen Namens der Grulicher und der Adlergebirgler Holzschnitzerei.
Interesse an Fundorten für Adlergebirgskrippen
gibt es genügend, für die Heimatstuben der Vertriebenen sind
es seltene und daher gesuchte Kunstwerke.
So erstanden die Adlergebirgler für ihr Archiv
in Waldkraiburg im Jahre 1993 eine Grulicher Krippe, die wir der Sektion
Volkskunst zuordnen.
In der alten Heimat selbst wird der interessierte
Besucher noch Krippen jeglichen Typs in den weihnachtlich geschmückten
Kirchen vorfinden, doch ist heute nicht mehr feststellbar, wie hoch die
Verluste durch Unachtsamkeit, Desinteresse und schwarze Marktgeschäfte
geworden sind. Die inzwischen zugesiedelte Neubevölkerung hat die
Krippenschnitzerei nicht fortgesetzt, es fehlte sowohl der Künstler
als auch der Lehrer und vor allem das Glaubensfundamet, auf welchem religiöse
Kunst hätte wachsen können. Die Grulicher Fachschule für
Schnitzerei ist heute zweckentfremdet, der neue Staat hat weder Beziehung
noch Geld, gewachsenes Kulturgut zu pflegen.
Der Verbleib der Kunstwerke
Berühmte Krippen haben heute ihren hohen
Wert und ihre besondere Geschichte. Eine künstlerisch hochwertige
aus Rokitnitz, deren Entstehung um 1800 datiert wird, war lange in Familienbesitz,
bevor sie im ersten Weltkriege für Lebensmittel eingehandelt wurde
und seitdem verschollen blieb. Die bekannte Herrnsdorfer Krippe, verziert
mit aus Glas geblasenen Vögeln (Glashütte Schwarzwasser), hatte
flächenmäßig die Größe eines kleinen Zimmers.
Sie ist seit der Vertreibung verschollen - wahrscheinlich in unbekannten
Privatbesitz gefallen.
Namen wie Rolletscheck, Schintag, Utz, Pilz,
Feichtinger, Langer und Stumpf zählen zu den bekanntesten Krippenherstellern
des oberen Adlergebirges (Gießhübel). Eine im Museum in Reichenau
ausgestellte Krippe trägt den Erzeugernamen Utz, jene von der Firma
Hartmann wird allweihnachtlich in der Pfarrkirche von Slavonov (bei Gießhübel)
aufgebaut. Drei Krippen des Schnitzers Schmoranz aus Pollom, der Schüler
der Grulicher Holzfachschule war, wurden nach ihrer Prämierung nach
Wien verkauft. Die Gießhübler Krippenkirche, weit und breit
das schönste Schnitzwerk im venetianischen Stil, dürfte heute
wieder in Kirchenbesitz sein, jene aus der Czerny-Mühle, über
deren Verbleib wir ebenfalls wenig wissen, war eine bewegliche, mit Wasserkraft
betriebene und an das Mühlenwerk angeschlossene Krippe.
Eine Chance zur Rettung dieser Kunstwerke gab es
für die Deutschen zur Zeit der (meist wilden) Vertreibung nicht, wie
weit sie von Kirchengut in Staatseigentum übergingen, ist bekannt,
über deren Rückerstattung an die Kirchen wird gegenwärtig
verhandelt. Ihr Zustand bedürfte nach fünfzigjähriger Staatsverwaltung
dringend der Überholung. (aus: R. Seidel, Holzschnittkunst, TB, 1983,
S. 86 f.)
Die Landschaftsarchitektur, unsere Profanbauten
Das typische Adlergebirgshaus, die Bauernhöfe
der Grafschaft und des Gesenkes, der Baustil des Friesetaler Wohnhauses
und die Anlage unserer Pfarrhäuser und Erbgerichte, all das ist teils
typische und damit stilvolle Landschaftsarchitektur, die uns von anderen
Siedlungsformen der Nachbarschaft unterscheidet. Außer den befestigten
Plätzen und den verfallenen Burgen sind die Erbgerichte mehr nach
Zweckmäßigkeit als nach bewußter Stilform erbaut, die
Schlösser in Rokitnitz, und besonders jenes in Reichenau, waren Herrensitze,
wie wir diese auch im Schlesischen antreffen und die mehrmals ihre Gestalt
wechselten. Von der Burg Schildberg ist uns kein Bild überliefert,
wahrscheinlich glich sie dem Hohenstädter Herrensitz, bestehend aus
geschmücktem Eingangsportal, einem weitläufigen Innenhof in rechteckiger
Anordnung, umgeben von wuchtigen Außenmauern. Die ein- bis zweistöckigen
Gebäude bargen Wohneinheiten, den Marstall und einen Fahrzeugpark
mit entsprechender Ausstattung und weit angelegten Kellereien. Die untersuchten
Fundamente der ehemaligen Burg in Schildberg verraten dasselbe Konzept,
jedoch in verjüngtem Maßstab.
Stilvolle Bürgerhäuser in unseren Städten
waren nicht selten, die romanisch geschwungenen Lauben in Grulich, die
ein- und zweistöckigen Häuser am Marktplatz und in den Gassen
haben zum Teil stilvolle Renaissancefassaden, das Peschkehaus und die Kubiasvilla
in Rothwasser sind mit Stilornamenten des Barock und des Rokoko geziert.
Unsere öffentlichen Bauten tragen noch sehr
stark das Gepräge der Monarchie und verraten damit auch ihre Entstehungszeit.
Vergleichen wir die Grulicher mit der Gießhübler und der Bürgerschule
von Rothwasser, dann ist dem Baustil eine einheitliche Konzeption nicht
abzusprechen und damit fällt dieser zweifelsohne aus dem landschaftlichen
Typus. Es ist die schlichte Neorenaissance, wie sie sich in den letzten
Dekaden des 19. Jahrhunderts in der Monarchie ausgeprägt hatte, die
wir bis heute an den Giebeln unserer Bürgerhäuser bewundern können
und die wir in der Grafschaft nicht weniger ausgeprägt vorfinden.
Die sakrale Architektur
Angesprochen auf diese Kunstform wird der Kenner
unserer Landschaft zuoberst die bedeutendsten Wallfahrtsorte Maria Albendorf
und den Muttergottesberg bei Grulich hervorheben, in welchen sich unser
heimisches Barock eine hochdifferenzierte (Albendorf) und eine weit schlichtere
Gestalt (in unseren Dekanats- und Pfarrkirchen) gab.
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Kloster Muttergottesberg
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Als beispielhaft für die stilistische Konzeption
unserer Kirchen wählen wir die Dekanatskirche in Schildberg, die älteste
in unserem Tal. Deren Errichtung und Bewidmung läßt sich bis
in das Jahr 1350 zurückverfolgen. Ihren Standort auf dem Burgberge
hat sie nicht verändert, ihre Gestalt und Größe in bewegter
Geschichte umso öfter. Sie gleicht heute keineswegs jener, die im
Jahre 1700 erbaut wurde, da Schwedeneinfälle und Brände einen
mehrmaligen Neuaufbau nötig machten. Der letzte fällt, was sie
stilistisch ausdrückt, in die Barockzeit. Die Einturm- Fassade mit
ihrer klassischen Linienführung (der Muttergottesberg hat eine Doppelturmfassade)
verweist auf das frühe Barock, das Gesimse und die vorgezogenen Voluten
sind stilechte Charakteristika des späteren. Ihre Nischen, als Plätze
für Heiligenfiguren gedacht, stehen heute leer, ein Rundbogen, der
die Orgelempore weit in den Kirchenraum trägt, soll vom Plan her der
Konzeption des berühmten Balthasar Neumann nachempfunden sein.
Immer noch ist das Liechtensteinsche Wappen als
Ausdruck früherer Patronatsherrschaft vorhanden. Ein halbrund gestalteter
Altarraum fügt sich stilvoll in den barocken Innenraum, und ebenso
ist der Tabernakel und der gesamte Altar reines Barock. Diese Konzeption
wiederholt sich in unseren Pfarrkirchen und Klöstern in mehr oder
weniger ausgeschmückter Variation.
Oberhalb der Stuckverzierung findet ein mächtiges
Tonnengewölbe seine Auflage, Kenner sprechen vom „böhmischen
Tonnengewölbe“. Der gesamte Baukörper entspricht dem einer Wandpfeilerkirche.
Stuckierung und die Deckenfresken verweisen sowohl in Schildberg als auch
in Albendorf auf Übergänge vom Spätbarock zum Rokoko, die
Wände und Decken der Klosterkirche des Muttergottesberges sind pastellfarben
übertüncht.
Mehrere Seitenaltäre (in Schildberg sind es
sieben) finden wir in Kirchen mit besonderen Bestimmungen, sie hatten bei
Besuchen der hohen Geistlichkeit mehrere Zelebrationsmöglichkeiten
anzubieten. Übergroße Altarbilder, gefaßt in schwere Rahmen
mit reicher Ornamentik und Goldauflage sind typisch für unsere Pfarrkirchen,
an den Gnadenorten nimmt das Bild der heiligen Jungfrau (als Relief oder
Figur) den Mittelpunkt des Altares ein, die meisten Altarbilder zeigen
den Schutzpatron/die Schutzpatronin und werden von Kennern auf die Nazarenerschule
zurückgeführt.
Die Pfarrkirchen der Vikariate Groß Stiebnitz
und Grulich haben mehr oder weniger barocke Ausprägungen des Innenraumes,
die Dekanatskirche in Schildberg ist die stilistisch wohl reinste Form,
einschließlich ihres Zwiebelturmes und wird daher auch der „Dom des
Friesetales“ genannt.
Das schlesische Barock von Mittelwalde bis ins
Niederglätzische kennt eine reichere Form von Stuckierung und figürlichen
Darstellungen als unsere Baustile im Gebirge. Die Kirchen im Sprengel sind
meistens keine Säulenkirchen, sie unterscheiden sich wesentlich im
Turmbau, weniger wesentlich in der Anlage der Baukörper und tragen
im Innenraum ebenfalls barockes Gepräge. So erhielt die Pfarrkirche
in Mähr.-Rothwasser, geweiht dem hl. Matthäus, nach der letzten
Renovierung eine besonders teuere und stilvolle Innendekoration.
In der Grundkonzeption waren für unsere Pfarrkirchen
ein Hauptaltar und zwei Nebenaltäre vorgesehen.
Beurteilen wir unsere Landschaft nach Zeugnissen
ihres Kulturschaffens, dann haben wir die Schwerpunkte Bau- Malkunst und
Bildhauerei und innerhalb dieser wiederum die sakrale Kunstform als besondere
Disziplinen schöpferischer Tätigkeit hervorzuheben.
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Rothwasser, Kirche, Pfarrei und Kubiasvilla
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